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Weltenbummler
11 April 2007 @ 01:05
Arvo Pärt: Tabula Rasa
mit Dank an L'ARBRE DE LES 1000 MUSIQUES

Cover

"Tabula rasa", wörtlich als offene, neu zu beschreibende Fläche genommen, kennzeichnet geradezu programmatisch ECM New Series. Mit diesem Titel, noch als LP, startete 1984 das neue Programm, das tatsächlich neue, jedes dogmatische Schubladendenken ignorierende Maßstäbe setzte. Neu würde künftig das Hören auf jede Musik zwischen Mittelalter und Gegenwart sein, so neu wie Pärts "Tintinnabuli"-Klänge. Denn der 1935 geborene estnische Komponist Arvo Pärt war damals im Westen bestenfalls ein Geheimtip, zu verdanken dem zwölf Jahre jüngeren, aus Lettland kommenden deutschstämmigen Geiger Gidon Kremer. Als Manfred Eicher damals Musik von Pärt im Rundfunk hörte, gehörten Kremer und der bei ECM schon heimische Keith Jarrett sogleich zu seinen Wunsch-Interpreten für diese ungewöhnliche Musik.
Vom lateinischen tintinnabulum (= Glöckchen, Schelle) abgeleitet, gründet Pärts ganz persönlicher Stil auf Diskanttönen und reinen Akkorden. Später nannte er das, sich einem Einsiedler vergleichend, "Flucht in die freiwillige Armut" - "das ganze Arsenal zurücklassen und sich durch die nackte Einstimmigkeit retten, bei sich nur das Notwendigste habend - einzig und allein den Dreiklang". Das sind die Bausteine zu leuchtenden Klangballungen, in sich verschlungenen melodischen Linien, gebrochenen und geschichteten Akkorden. Und in allem die Schönheit des einzelnen Tones. "Fratres" (= Brüder) aus dem Jahr 1977 wird in zwei Fassungen musiziert. Einmal durch erregte Bogenschwünge Gidon Kremers eingeleitet, bis Keith Jarrett sich sonor meldet, um dann in lichten Lagen mit der Violine wetteifernd das Thema anzuschlagen (1983). Zum Zweiten intonieren die 12 Berliner Philharmonischen Cellisten zu dumpfen Schlägen die Quinte A-E, über die sich in violinistischen Höhen das Thema schwingt (1984). Glockenschläge säumen und durchdringen den "Cantus in memory of Benjamin Britten", des 1976 gestorbenen britischen Komponisten. Dennis Russell Davies hält mit dem Staatsorchester Stuttgart diese fünfminütige Totenklage in vibrierender Spannung (1984). In "Tabula rasa" zelebrieren Gidon Kremer und die Geigerin Tatjana Gridenko, die Solisten der Uraufführung, zusammen mit Alfred Schnittke am präparierten Klavier und dem Litauischen Kammerorchester unter Saulus Sondeckis leidenschaftlich die repetierend an- und abschwellenden Farbklänge von glitzernder Klarheit und überirdischer Ruhe (1977).
Die trinitarische Symbolik des Dreiklangs, Titel wie "Fratres" und zahlreiche geistliche Kompositionen deuten auf Arvo Pärts Frömmigkeit hin. In ihr lebt die mystische Erfahrung von Leiden und Erlösung östlichen Christentums. Sie erfüllt auch Werke wie "Tabula rasa".



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